Ego-State-Disorder – Ein Erklärungsversuch

Vor etwa 15 Jahren habe ich mich intensiv mit der Dissoziativen Identitätsstörung – DIS – (vormals Multiple Persönlichkeitsstörung) beschäftigt. Mir war immer klar, dass ich nicht unter einer DIS leide, einige Aspekte kamen mir jedoch merkwürdig vertraut vor. Mein „Zustände“ waren manchmal ähnlich, unterschieden sich jedoch in einem entscheidenden Punkt: Ich wusste immer alles von jedem, hatte also keine amnestischen Lücken. Außerdem empfand ich sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern eher als eigenständige und zum Teil sehr verschiedene Anteile meiner selbst, die mehr waren als bloße Facetten. Ich habe damals immer folgende Bilder verwendet: Bei einer DIS stehen mehrere Bäume, die zum Teil nichts voneinander wissen und eigenständig agieren, nebeneinander. Ich hingegen fühlte mich wie ein einzelner Baum mit sehr unterschiedlichen und zum Teil sehr starken Ästen, die sich häufig in verschiedene Richtungen bewegen, aber eben immer über den einen Stamm verbunden sind.

Mein Ich fühlte und fühlt sich nicht wie ein solches an. Wenn ich mich an bestimmte Ereignisse (Alltägliches und Besonderes) erinnere, habe ich oft den Eindruck, als hätte ich sie gar nicht selbst erlebt. Theoretisch könnte mir auch jemand davon erzählt haben. Ich weiß darum, aber sie fühlen sich nicht an wie ein Teil meines Lebens.

Häufig weiß ich gar nicht, wer oder was ich eigentlich bin. Ich bin bzw. ist so unterschiedlich, fühlt so unterschiedlich, denkt so unterschiedlich. Ich unterhält sich mit sich, es streitet sich mit sich selbst, es verhöhnt einzelne Teile.
Da gibt es einen kleinen Teil, der seit über 35 Jahren einsam, traurig und untröstbar ist. Er sucht und sucht nach dem Retter, der ihn befreit, mitfühlt und versteht. Und er hört nicht auf damit. Dieser Teil ist ich, manchmal tagelang.
Ein anderer Teil beginnt sofort zu kämpfen, wenn er sich angegriffen fühlt – gerne im Konflikt mit vermeintlichen Autoritäten oder in Beziehungen. Er geht nach vorne los, ohne Rücksicht auf Verluste. Dieser Teil ist ich und er ist kaum zu bremsen.
Es gibt Teile, die zerfleischen mich. Sie sind schlau und argumentieren. Sie sind Gedanken in meinem Kopf, sie sind ich.
Manchmal bin ich Angst, manchmal Selbstekel.
Und manchmal bin ich einfach weg.

Ich merke, dass es schwierig ist, den Unterschied zwischen ganz „normalen“ Persönlichkeitsanteilen und meinen Ego-States zu erklären.
Ich bin dann einfach auch ganz unterschiedlich. Mein Partner bemerkt das immer sehr schnell. Er kann verschiedene Anteile erkennen. Ebenso mein Therapeut. Ich (ver)halte mich unterschiedlich, reagiere anders, argumentiere anders, oft jedoch nur marginal. Im alltäglichen Leben oder im beruflichen Alltag merkt man es mir nicht bzw. kaum an. Dort funktioniere ich (meist) gut.

Jochen Peichl definiert Ego-States auf der neuronalen Ebene wie folgt:
„Ego-States sind komplexe neuronale Netzwerke, die Gefühle, Körpergefühle, Überzeugungen und Verhaltensweisen in einem bestimmten Augenblick oder über einen bestimmten Zeitraum festhalten. Es sind voneinander abgrenzbare psychische Einheiten.“ (Peichl, 2007, S. 65)

Peichl schreibt weiter:
„Aus der therapeutischen Arbeit mit Ego-States lassen sich sehr detaillierte Aussagen über diese ‚Selbst-Anteile‘ machen:

  • Ego-States kann man nicht eliminieren, umbringen und vernichten, man kann sie nur ändern.
  • Ego-States kann haben je eigene Wahrnehmung, Motivation und Rollen innerhalb der Gesamtpersönlichkeit.
  • Ego-States haben ihren eigenen Charakter, Werte, Bedürfnisse, Interessen und Ziele.
  • Ego-States haben eine überdauernde und in sich geschlossene Geschichte, Kognitionen und Affekte.
  • Ego-States können sich in Stimmungen oder Symptomen (Depressionen, Kopfschmerzen, Angst) manifestieren.
  • Ego-States können untereinander Konflikte erzeugen, die sich als Symptome zeigen können.
  • Ego-States kann man ansprechen und befragen wie eine Person (Alter, Geschlecht, Funktion, Bedürfnisse).
  • Ego-State-Pathologie entsteht, wenn ein oder mehrere Teile mit den anderen nicht in Harmonie sind, selbstbezogen handeln und Symptome produzieren.
  • Das Ziel der Ego-State-Therapie ist Ko-Bewusstsein und Integration und nicht die Verschmelzung der States.“ (ebd. , 2007, S. 65f.)

Mittlerweile bin ich in der Lage, die Anteile zu benennen. Ich erkenne und kann erklären, welcher Anteil gerade wie denkt oder fühlt. Manchmal gelingt es meinem Therapeuten, ganz gezielt mit einem Anteil in Kontakt zu treten.
Manche wollen das nicht. Manche boykottieren das. Manche haben Angst. Aber viele vertrauen ihm bereits.

Im nächsten Artikel zu diesem Thema werde ich etwas über die verschiedenen Arten von Ego-States, ihre Entstehung und meine Fortschritte schreiben. Ich möchte außerdem einzelne Teile und ihre Funktion näher vorstellen.

Insgesamt bin ich sehr froh über die Ego-State-Theorie. Sie erklärt (m)ich so viel besser, als mir das früher möglich war. Und irgendwie fühle ich mich auch nicht mehr ganz so irre.

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