Gute Besserung – Nebenwirkung: Angst

Es ist schön, dass es mir besser geht. Nicht so schön ist, dass „Aufschwünge“ immer damit einhergehen, dass sich altbekannte Glaubenssätze melden. Momentan besonders stark: So wie du lebst/bisher gelebt hast, stirbst du eh bald/wirst du sowieso nicht alt. Anders: Wenn es dir gut geht, passiert etwas Schlimmes.
Ich habe Angst. Und ich weiß, dass es in solchen Phasen wichtig ist, mich nicht selbst herunterzuwirtschaften, damit es mir wieder schlechter geht. Damit die Angst wieder abnimmt. Blödes Spiel.

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Status // Gedanken – Teil 2

Akzeptanz oder Kampf?
Was mich in den letzten Tagen ebenfalls beschäftigt hat, war die Frage danach, wie ich meine komplexe PTBS eigentlich einordne. Sehe ich sie als Erkrankung, die es zu bekämpfen gilt? Oder definiere ich sie eher als eine Behinderung, mit der ich leben muss und die es so zu gestalten gilt, dass sie möglichst wenig ins Gewicht fällt? Kürzer formuliert: Geht es um Akzeptanz oder Kampf?
Für mich ist klar, dass ich das beste aus den (vor)gegebenen Möglichkeiten herausholen möchte. Und wenn es im Rahmen dieser Möglichkeiten liegt, Freude und Zufriedenheit zu empfinden, dann will ich das. Unbedingt.
Trotzdem bewege ich mich eher auf der Akzeptanz-Seite. Kämpferisch. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann alle Symptome loswerde. Mein Ziel ist es, so viele wie möglich „in den Griff zu bekommen“, besser mit ihnen umgehen zu lernen. Ich möchte irgendwann sagen können: So bin ich, und das ist okay so. Damit komme ich klar. Ich bin nicht meine Beeinträchtigung, sondern sie ist ein Teil von mir.
Dazu gehört eine große Portion Zuversicht.

Status // Gedanken

Ich bin mal wieder zu weit gegangen und habe mich bzw. meine Kräfte maßlos überschätzt. Ich bin gelaufen und gelaufen, bis ich keine Luft mehr hatte: Mir fiel das Denken schwer, ich konnte nicht mehr arbeiten, mir fehlten Antrieb, Sinn und Bezug.
Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Vielleicht habe ich mittlerweile tatsächlich ein paar Dinge begriffen. Und damit ich sie nicht wieder vergessen, widme ich ihnen diesen Artikel. :-)

Selbstfürsorge und Stabilisierung sind wichtig – auch für mich
Es war wichtig zu erkennen, dass ich den Stellenwert von Selbstfürsorge für mich persönlich mal wieder unterschätzt habe. Und es war hilfreich und gut, ihr wieder einen größeren Stellenwert einzuräumen.
Einige meiner Vorsätze der vergangenen Woche (vgl. letzter Artikel) konnte ich tatsächlich umsetzen:

  • Ich habe ausreichend Wasser getrunken,
  • mit wenigen Ausnahmen „aktiver“ gegessen und
  • die Globuli fast regelmäßig eingenommen.
  • Die Wohnung ist in Ordnung (morgen dann wieder richtig).

Das mit dem Rauchen hat nicht geklappt und die Imaginationsübungen … Ich arbeite dran.
Das Ergebnis, trotzdem: Ich fühle mich besser und will das auch so.
Der Plan: dranbleiben.

Entfernung und Kontaktaufnahme
Je besser es mir geht, desto weiter entferne ich mich von meinen Problemen. Ich verliere den Bezug, die Therapie kommt mir unwirklich und unnötig vor. Jetzt könnte man sagen: Hey, das ist doch gut. Man muss und kann sich auch nicht immer mit seinen Problemen beschäftigen. // Lass es doch mal ruhig angehen! // Erholungsphasen sind wichtig. // Sei doch froh, dass es dir nicht mehr so schlecht geht. usw.
Das ist alles wahr. Keine Frage. Aber: Ich empfinde die Entfernung vom Problem auch als Entfremdung von mir selbst. Und ich habe Sorge, dass ich den Anschluss wieder verliere, dass sich die Anteile wieder verschließen, zu denen ich gerade erst mühevoll Zugang gefunden habe. Mein Therapeut, Herr A., meinte dazu, dass sich der Kontakt doch in letzter Zeit ganz gut habe herstellen lassen … Ich hoffe, er hat recht.
Eine sehr lange Zeit war es so, dass entweder meine funktionsfähige, anscheinend normale Persönlichkeit das Ruder übernommen hat oder ich eher von meinen Ego-States gelenkt wurde. Dann war ich entweder oder. Damals war mir das jedoch noch nicht so bewusst, es passierte einfach. Wenn ich funktionierte, hatte ich eine ziemlich große Distanz zu meinen Problemen. Und ich vergaß viele Aspekte wieder, die ich mir kurz zuvor erarbeitet hatte. Das hatte den Effekt, dass ich die gleichen Erkenntnisse häufig mehrfach hatte.
In diesen Phasen ging es mir zwar nicht richtig gut, aber eben auch nicht katastrophal schlecht.
Beschäftigte ich mich mit meinen Problemen, wurde das Funktionieren schwieriger.
Vielleicht hilft das Wissen um die Möglichkeit der Kontaktaufnahme tatsächlich, den fehlenden Bezug hinzunehmen. Denn: Auch wenn es nicht angenehm ist, emotional betäubt zu sein und den Bezug zur eigenen Geschichte zu verlieren, so stellt es doch zunächst die bessere Alternative dar. (Memo: Nicht vergessen, es ging mir richtig, richtig schlecht.)

Sinn
So sehr ich mich eigentlich gegen die Frage wehre, welchen Sinn meine Erlebnisse haben könnten, so sehr hat mich gestern ein Gespräch bewegt, dass ich mit einem sehr schlauen Menschen führen durfte. Das Ergebnis: Vielleicht hat alles doch ein wenig Sinn. Ich denke, dass mir meine Erfahrungen eine gewisse Tiefe gegeben haben. Reflexionsvermögen vielleicht. Und Verständnis. Es ist nicht schön, so zu sein, aber irgendwie auch eine Chance. Vielleicht.

Morgen mehr zu den Gedanken. Danke fürs Lesen!

Ego-State-Disorder – Ein Erklärungsversuch

Vor etwa 15 Jahren habe ich mich intensiv mit der Dissoziativen Identitätsstörung – DIS – (vormals Multiple Persönlichkeitsstörung) beschäftigt. Mir war immer klar, dass ich nicht unter einer DIS leide, einige Aspekte kamen mir jedoch merkwürdig vertraut vor. Mein „Zustände“ waren manchmal ähnlich, unterschieden sich jedoch in einem entscheidenden Punkt: Ich wusste immer alles von jedem, hatte also keine amnestischen Lücken. Außerdem empfand ich sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern eher als eigenständige und zum Teil sehr verschiedene Anteile meiner selbst, die mehr waren als bloße Facetten. Ich habe damals immer folgende Bilder verwendet: Bei einer DIS stehen mehrere Bäume, die zum Teil nichts voneinander wissen und eigenständig agieren, nebeneinander. Ich hingegen fühlte mich wie ein einzelner Baum mit sehr unterschiedlichen und zum Teil sehr starken Ästen, die sich häufig in verschiedene Richtungen bewegen, aber eben immer über den einen Stamm verbunden sind.

Mein Ich fühlte und fühlt sich nicht wie ein solches an. Wenn ich mich an bestimmte Ereignisse (Alltägliches und Besonderes) erinnere, habe ich oft den Eindruck, als hätte ich sie gar nicht selbst erlebt. Theoretisch könnte mir auch jemand davon erzählt haben. Ich weiß darum, aber sie fühlen sich nicht an wie ein Teil meines Lebens.

Häufig weiß ich gar nicht, wer oder was ich eigentlich bin. Ich bin bzw. ist so unterschiedlich, fühlt so unterschiedlich, denkt so unterschiedlich. Ich unterhält sich mit sich, es streitet sich mit sich selbst, es verhöhnt einzelne Teile.
Da gibt es einen kleinen Teil, der seit über 35 Jahren einsam, traurig und untröstbar ist. Er sucht und sucht nach dem Retter, der ihn befreit, mitfühlt und versteht. Und er hört nicht auf damit. Dieser Teil ist ich, manchmal tagelang.
Ein anderer Teil beginnt sofort zu kämpfen, wenn er sich angegriffen fühlt – gerne im Konflikt mit vermeintlichen Autoritäten oder in Beziehungen. Er geht nach vorne los, ohne Rücksicht auf Verluste. Dieser Teil ist ich und er ist kaum zu bremsen.
Es gibt Teile, die zerfleischen mich. Sie sind schlau und argumentieren. Sie sind Gedanken in meinem Kopf, sie sind ich.
Manchmal bin ich Angst, manchmal Selbstekel.
Und manchmal bin ich einfach weg.

Ich merke, dass es schwierig ist, den Unterschied zwischen ganz „normalen“ Persönlichkeitsanteilen und meinen Ego-States zu erklären.
Ich bin dann einfach auch ganz unterschiedlich. Mein Partner bemerkt das immer sehr schnell. Er kann verschiedene Anteile erkennen. Ebenso mein Therapeut. Ich (ver)halte mich unterschiedlich, reagiere anders, argumentiere anders, oft jedoch nur marginal. Im alltäglichen Leben oder im beruflichen Alltag merkt man es mir nicht bzw. kaum an. Dort funktioniere ich (meist) gut.

Jochen Peichl definiert Ego-States auf der neuronalen Ebene wie folgt:
„Ego-States sind komplexe neuronale Netzwerke, die Gefühle, Körpergefühle, Überzeugungen und Verhaltensweisen in einem bestimmten Augenblick oder über einen bestimmten Zeitraum festhalten. Es sind voneinander abgrenzbare psychische Einheiten.“ (Peichl, 2007, S. 65)

Peichl schreibt weiter:
„Aus der therapeutischen Arbeit mit Ego-States lassen sich sehr detaillierte Aussagen über diese ‚Selbst-Anteile‘ machen:

  • Ego-States kann man nicht eliminieren, umbringen und vernichten, man kann sie nur ändern.
  • Ego-States kann haben je eigene Wahrnehmung, Motivation und Rollen innerhalb der Gesamtpersönlichkeit.
  • Ego-States haben ihren eigenen Charakter, Werte, Bedürfnisse, Interessen und Ziele.
  • Ego-States haben eine überdauernde und in sich geschlossene Geschichte, Kognitionen und Affekte.
  • Ego-States können sich in Stimmungen oder Symptomen (Depressionen, Kopfschmerzen, Angst) manifestieren.
  • Ego-States können untereinander Konflikte erzeugen, die sich als Symptome zeigen können.
  • Ego-States kann man ansprechen und befragen wie eine Person (Alter, Geschlecht, Funktion, Bedürfnisse).
  • Ego-State-Pathologie entsteht, wenn ein oder mehrere Teile mit den anderen nicht in Harmonie sind, selbstbezogen handeln und Symptome produzieren.
  • Das Ziel der Ego-State-Therapie ist Ko-Bewusstsein und Integration und nicht die Verschmelzung der States.“ (ebd. , 2007, S. 65f.)

Mittlerweile bin ich in der Lage, die Anteile zu benennen. Ich erkenne und kann erklären, welcher Anteil gerade wie denkt oder fühlt. Manchmal gelingt es meinem Therapeuten, ganz gezielt mit einem Anteil in Kontakt zu treten.
Manche wollen das nicht. Manche boykottieren das. Manche haben Angst. Aber viele vertrauen ihm bereits.

Im nächsten Artikel zu diesem Thema werde ich etwas über die verschiedenen Arten von Ego-States, ihre Entstehung und meine Fortschritte schreiben. Ich möchte außerdem einzelne Teile und ihre Funktion näher vorstellen.

Insgesamt bin ich sehr froh über die Ego-State-Theorie. Sie erklärt (m)ich so viel besser, als mir das früher möglich war. Und irgendwie fühle ich mich auch nicht mehr ganz so irre.

hilfreiche therapeutische Beziehung

Wolfgang Wöller beschreibt Sicherheit in der therapeutischen Beziehung sowie eine haltende Bindungsbeziehung als zentrale Elemente der Therapie von bindungs- und beziehungstraumatisierten Patienten (vgl. Wöller 2006, S. 197 ff.). Dies möchte ich aus der Klientenperspektive ganz dick unterstreichen. Ich finde, dass Herr Wöller sehr hohe Ansprüche formuliert. Aber für uns Klienten und Patienten sind die von ihm beschriebenen Aspekte tatsächlich von ganz entscheidender Bedeutung.
Nachdem ich meine bisherigen Therapien diesbezüglich als eher kontraproduktiv erlebt habe, bin ich sehr froh, nun ganz andere Erfahrungen sammeln zu dürfen.

Hinweis an Herrn A. (Pseudonym für „mein Therapeut“): Das Folgende sollten Sie vielleicht besser nicht lesen … ;)

Meine jetzige Therapie ist für mich deshalb so erfolgreich, weil ich mich in der Beziehung zu meinem Therapeuten, Herrn A.,  absolut sicher und angenommen fühle. Dies beginnt beim äußeren Rahmen: Ich kann mich darauf verlassen, dass wir nicht gestört werden, die Sitzungen beginnen immer pünktlich, Termine werden grundsätzlich eingehalten, Urlaube frühzeitig angekündigt und es ist immer ausreichend Zeit vorhanden.
Außerdem fühle ich mich ernst genommen. Mein Therapeut vermittelt mir das Gefühl, dass er nachvollziehen kann, warum es mir schlecht geht. Er hilft mir meine Erlebnisse zu bewerten, was leider immer wieder und wieder notwendig ist. Wenn ich ihn um eine Einschätzung bitte – und das tue ich oft –, erhalte ich sie. Und dabei kann er durchaus parteiisch sein.
Insgesamt nehme ich mich eher als „Partner“ in diesem Prozess wahr. Herr A. arbeitet mit mir nicht an mir oder an mir vorbei. Dadurch kann ich mich als einen erwachsenen und in vielen Bereichen kompetenten Mensch annehmen, ohne mich jedoch überfordert zu fühlen.

Er ist immer „voll da“, was besonders für meine kleinen Anteile sehr wichtig ist, da sie sich sofort zurückziehen, wenn sie Desinteresse oder Unaufmerksamkeit wittern. Durch seine Empathie hat er es geschafft, dass sie ihm wirklich vertrauen und sich nach und nach öffnen können.
Ich darf Mails schreiben, wenn es mir schlecht geht, und wir haben vereinbart, wann er wie darauf reagieren kann und möchte. Mir war es wichtig, dass ich ihm nicht auf die Nerven gehe, zumal so etwas ja oft schleichend beginnt. Mittlerweile erinnert er mich immer mal wieder daran, dass die Möglichkeit des Schreibens besteht. Auch das gibt mir Sicherheit und schafft Vertrauen.
Herr A. setzt mich nicht unter Druck, sondern wartet, bis ich soweit bin. Zu manchen Zeiten war ich mir nicht sicher, ob ein etwas stärkeres Insistieren den Prozess nicht beschleunigt hätte. Inzwischen denke ich, dass das keine so gute Idee gewesen wäre, weil es sehr viel Widerstand und Abwehr hervorgerufen hätte.
Einer meiner Anteile kann durchaus ziemlich zickig werden. Mein Therapeut geht dann häufig von sich aus auf mich zu und bietet mir einen Rückweg an, wenn ich mal wieder davonlaufen und alles hinschmeißen möchte.

Sein Vorgehen ist für mich absolut transparent und nachvollziehbar. Ich weiß immer – das glaube ich zumindest – was er tut und warum. Zweifel bzw. Kritik werden nicht nur „geduldet“, sondern positiv aufgenommen. Er versucht nicht den Anschein zu erwecken, „die Weisheit mit Löffeln gefressen“ zu haben, sondern bildet sich fort.
Ganz wichtig ist mir, dass er immer authentisch und glaubwürdig wirkt. Er gibt mir ehrliche Rückmeldungen und ich habe nicht den Eindruck, als würde er sich mir gegenüber verstellen. Dazu gehört für mich auch, dass wir auch mal über etwas heftigere Sprüche lachen können und nicht alles auf die „Betroffenheitswaage“ gelegt werden muss. Wenn ich sage, dass ich „einen an der Waffel habe“, muss ich nicht unbedingt hören, dass „das doch sehr wertend ist“, ich mich damit klein mache blablabla. Überhaupt bin ich froh, dass wir „die gleiche Sprache sprechen“.

Herr A., falls Sie das jetzt doch gelesen haben: An dieser Stelle ein ganz großes DANKE für alles! (Muss auch mal gesagt werden dürfen.)