Gute Besserung – Nebenwirkung: Angst

Es ist schön, dass es mir besser geht. Nicht so schön ist, dass „Aufschwünge“ immer damit einhergehen, dass sich altbekannte Glaubenssätze melden. Momentan besonders stark: So wie du lebst/bisher gelebt hast, stirbst du eh bald/wirst du sowieso nicht alt. Anders: Wenn es dir gut geht, passiert etwas Schlimmes.
Ich habe Angst. Und ich weiß, dass es in solchen Phasen wichtig ist, mich nicht selbst herunterzuwirtschaften, damit es mir wieder schlechter geht. Damit die Angst wieder abnimmt. Blödes Spiel.

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Selbstfürsorge und Stabilisierung – Laufen lernen

„Mein erstes Ziel ist es, durch Achtsamkeitsübungen, Bewegung, Körper- und Aromatherapie zu lernen, meine Bedürfnisse besser wahrzunehmen.“
Hier war ich etwas vorschnell. Ich muss mal wieder viel früher ansetzen, mich erst einmal in die Lage versetzen, o.g. überhaupt in Angriff nehmen zu können.

Wenn ich mich relativ stabil fühle, fällt es mir schwer meine Bedürfnisse wahrzunehmen und für mich zu sorgen. Geht es mir schlecht, gelingt es mir gar nicht mehr. Ich gerate in eine Abwärtsspirale, wirtschafte mich psychisch und physisch total herunter. Irgendwann tue ich dann nur noch genau das Gegenteil dessen, was gut für mich wäre: Ich ernähre mich noch ungesünder als ohnehin schon, rauche maßlos, nehme zu wenig Flüssigkeit zu mir, trinke zu viel Alkohol, bewege mich nicht, schlafe dafür aber umso mehr, unternehme nichts und gehe auf gar keinen Fall ans Telefon. Parallel dazu verwahrlosen Haushalt und Garten, weil sie sich leider nicht von selbst erledigten. Dies führt dazu, dass ich mich in der Wohnung total unwohl fühle und nicht mehr in den Garten gehe, was mein Befinden nicht unbedingt verbessert.
In solch einem Zustand ist an Bewegung etc. natürlich gar nicht zu denken.

Ich weiß um diesen Teufelskreis, ich weiß, was helfen würde. Wie kann ich für mich sorgen, was tut mir gut, was trägt zu meiner Stabilisierung bei? ist immer wieder Thema in der Therapie. Irgendwann bin ich dann auch tatsächlich motiviert und will „mein Leben ändern“. Dass das so nicht funktionieren kann, ist mir ebenfalls bewusst. Und trotzdem stolpere ich immer wieder über meine Ansprüche.
Daher werde ich jetzt versuchen, realistischer an die Sache mit der Selbstfürsorge und Stabilisierung heranzugehen.
Im Moment geht es mir schlecht und ich bin alles andere als stabil. Also werde ich mir zunächst kleine, erreichbare Ziele setzen. Frei nach dem Film „Was ist mit Bob?“: „Babyschritte zum Wasser, Babyschritte …“

Konkret heißt das für die erste Woche:

  • ausreichend Wasser trinken (Post-Its an Rechner und Kühlschrank)
  • „aktive“ Nahrung zu mir nehmen (Rezepte sichten, Wochenplan erstellen, einkaufen)
  • Globuli Kalium phosphoricum D6 nehmen
  • Achtsamkeits- und Imaginationsübungen machen (jeden zweiten Tag, Partner um nachdrückliche Erinnerung und dickes Fell bitten)
  • Wohnung in Schuss halten (ist im Moment okay, also dranbleiben)
  • Rauchen reduzieren (15 Zigaretten pro Tag fürs erste – ja ja, ich weiß …)

Zu viel? Hmm … Ich versuch’s und gebe Rückmeldung.

Selbstfürsorge und Stabilisierung

Es bewegt sich (endlich) etwas, also dranbleiben. Auf jeden Fall dranbleiben. Keine Pause machen. Investigativ sein, weiterkommen, nicht mehr vor verschlossenen Türen stehen. Denken: So schlimm ist es ja bei mir nicht. Maßlose Selbstüberschätzung. Ein paar Wochen lang.

System overload. TILT.

Schlafen, dissoziieren, erstarren, sich verlieren, immer mehr. Gedanken in Endlosschleife, Körper mag nicht mehr. Schlafen, vor dem Rechner sitzen, nicht mehr arbeiten können.

Nach einer sehr fürsorglichen Mail meines Therapeuten schließlich so etwas wie Einsicht: Erst mal (wieder) Stabilisierung. Jochen Peichl schreibt:

„Ganz allgemein gesagt braucht es mehr bewusste Kontrolle über das emotionale Gehirn (Limbisches System); die wichtigsten Pathways einer bewussten Gegensteuerung sind:

  • Aktion, d.h. Mobilisierung, sich bewegen
  • Aktivierung des Mediofrontalen Cortex
  • Steigerung des Tonus der X-Hirnnerven, des Nervus Vagus.“

Alles, was dazu dient, ist gut: Joggen und sich bewegen, Förderungen der Bindungsressourcen, Atemtechniken, Massage, Joga, Qi Gong, AT oder Jacobson (PMR) und Funktionelle Entspannung.“ (Peichl 2007, S. 181 f.)

Ähem. Ja. Schlafen, vor dem Rechner sitzen und ständiges Grübeln meint er wohl nicht.
Ich beantworte seinen Stabilisierungsfragebogen mit je vier Fragen zur körperlichen, psychischen und sozialen Stabilität (ebd., Anhang 2) und muss fast lachen: Überraschenderweise ist der  Wert nicht wirklich gut (20 von 48 Punkten).
Peichl schreibt: „Alle Werte unter 24 signalisieren, dass noch viel Energie und Aufmerksamkeit der Stabilisierung gelten muss.“ (ebd., S. 182)

Ich hab’s ja verstanden … Und was nun? Sich zu bewegen hört sich leicht an, fällt mir aber unglaublich schwer.
Der Plan: Erst einmal mit der Imaginationsübung „Wohlfühlort/Sicherer Ort“ von Luise Reddemann (Reddemann, Hör-CD, 2007) beginnen. Ohne einen inneren sicheren Ort scheint es tatsächlich nicht zu klappen. Es ist lange her, dass ich die Übung zum letzten Mal gemacht habe.

Morgen denke ich weiter.