jammern

Kaum dass ich nicht mehr laufe, zerreißt es mich. Ich denke anders, fühle anders, ich bin. Anders. Ich kann mich nicht entspannen, alles dreht sich, ich muss grübeln, mich erinnern.
Ich kann mich nicht erinnern, so viele Lücken. Lese alte Schülerzeitungen und finde mich nicht.
Ich kann den Wechsel zwischen den verschiedenen Anteilen nicht beeinflussen. Sie machen, was sie wollen. Mit mir. Ohne ich. Bin so weit weg. Von.

Kennt das jemand? Oder hat jemand hilfreiche Tipps für mich? Es ist so verdammt anstrengend. Ich will doch nur ein bisschen Urlaub haben.

Danke füs Lesen.

_jammermodus off_

Gute Besserung – Nebenwirkung: Angst

Es ist schön, dass es mir besser geht. Nicht so schön ist, dass „Aufschwünge“ immer damit einhergehen, dass sich altbekannte Glaubenssätze melden. Momentan besonders stark: So wie du lebst/bisher gelebt hast, stirbst du eh bald/wirst du sowieso nicht alt. Anders: Wenn es dir gut geht, passiert etwas Schlimmes.
Ich habe Angst. Und ich weiß, dass es in solchen Phasen wichtig ist, mich nicht selbst herunterzuwirtschaften, damit es mir wieder schlechter geht. Damit die Angst wieder abnimmt. Blödes Spiel.

Status // Gedanken

Ich bin mal wieder zu weit gegangen und habe mich bzw. meine Kräfte maßlos überschätzt. Ich bin gelaufen und gelaufen, bis ich keine Luft mehr hatte: Mir fiel das Denken schwer, ich konnte nicht mehr arbeiten, mir fehlten Antrieb, Sinn und Bezug.
Inzwischen geht es mir wieder einigermaßen. Vielleicht habe ich mittlerweile tatsächlich ein paar Dinge begriffen. Und damit ich sie nicht wieder vergessen, widme ich ihnen diesen Artikel. :-)

Selbstfürsorge und Stabilisierung sind wichtig – auch für mich
Es war wichtig zu erkennen, dass ich den Stellenwert von Selbstfürsorge für mich persönlich mal wieder unterschätzt habe. Und es war hilfreich und gut, ihr wieder einen größeren Stellenwert einzuräumen.
Einige meiner Vorsätze der vergangenen Woche (vgl. letzter Artikel) konnte ich tatsächlich umsetzen:

  • Ich habe ausreichend Wasser getrunken,
  • mit wenigen Ausnahmen „aktiver“ gegessen und
  • die Globuli fast regelmäßig eingenommen.
  • Die Wohnung ist in Ordnung (morgen dann wieder richtig).

Das mit dem Rauchen hat nicht geklappt und die Imaginationsübungen … Ich arbeite dran.
Das Ergebnis, trotzdem: Ich fühle mich besser und will das auch so.
Der Plan: dranbleiben.

Entfernung und Kontaktaufnahme
Je besser es mir geht, desto weiter entferne ich mich von meinen Problemen. Ich verliere den Bezug, die Therapie kommt mir unwirklich und unnötig vor. Jetzt könnte man sagen: Hey, das ist doch gut. Man muss und kann sich auch nicht immer mit seinen Problemen beschäftigen. // Lass es doch mal ruhig angehen! // Erholungsphasen sind wichtig. // Sei doch froh, dass es dir nicht mehr so schlecht geht. usw.
Das ist alles wahr. Keine Frage. Aber: Ich empfinde die Entfernung vom Problem auch als Entfremdung von mir selbst. Und ich habe Sorge, dass ich den Anschluss wieder verliere, dass sich die Anteile wieder verschließen, zu denen ich gerade erst mühevoll Zugang gefunden habe. Mein Therapeut, Herr A., meinte dazu, dass sich der Kontakt doch in letzter Zeit ganz gut habe herstellen lassen … Ich hoffe, er hat recht.
Eine sehr lange Zeit war es so, dass entweder meine funktionsfähige, anscheinend normale Persönlichkeit das Ruder übernommen hat oder ich eher von meinen Ego-States gelenkt wurde. Dann war ich entweder oder. Damals war mir das jedoch noch nicht so bewusst, es passierte einfach. Wenn ich funktionierte, hatte ich eine ziemlich große Distanz zu meinen Problemen. Und ich vergaß viele Aspekte wieder, die ich mir kurz zuvor erarbeitet hatte. Das hatte den Effekt, dass ich die gleichen Erkenntnisse häufig mehrfach hatte.
In diesen Phasen ging es mir zwar nicht richtig gut, aber eben auch nicht katastrophal schlecht.
Beschäftigte ich mich mit meinen Problemen, wurde das Funktionieren schwieriger.
Vielleicht hilft das Wissen um die Möglichkeit der Kontaktaufnahme tatsächlich, den fehlenden Bezug hinzunehmen. Denn: Auch wenn es nicht angenehm ist, emotional betäubt zu sein und den Bezug zur eigenen Geschichte zu verlieren, so stellt es doch zunächst die bessere Alternative dar. (Memo: Nicht vergessen, es ging mir richtig, richtig schlecht.)

Sinn
So sehr ich mich eigentlich gegen die Frage wehre, welchen Sinn meine Erlebnisse haben könnten, so sehr hat mich gestern ein Gespräch bewegt, dass ich mit einem sehr schlauen Menschen führen durfte. Das Ergebnis: Vielleicht hat alles doch ein wenig Sinn. Ich denke, dass mir meine Erfahrungen eine gewisse Tiefe gegeben haben. Reflexionsvermögen vielleicht. Und Verständnis. Es ist nicht schön, so zu sein, aber irgendwie auch eine Chance. Vielleicht.

Morgen mehr zu den Gedanken. Danke fürs Lesen!

Ego-State-Disorder – Ein Erklärungsversuch

Vor etwa 15 Jahren habe ich mich intensiv mit der Dissoziativen Identitätsstörung – DIS – (vormals Multiple Persönlichkeitsstörung) beschäftigt. Mir war immer klar, dass ich nicht unter einer DIS leide, einige Aspekte kamen mir jedoch merkwürdig vertraut vor. Mein „Zustände“ waren manchmal ähnlich, unterschieden sich jedoch in einem entscheidenden Punkt: Ich wusste immer alles von jedem, hatte also keine amnestischen Lücken. Außerdem empfand ich sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern eher als eigenständige und zum Teil sehr verschiedene Anteile meiner selbst, die mehr waren als bloße Facetten. Ich habe damals immer folgende Bilder verwendet: Bei einer DIS stehen mehrere Bäume, die zum Teil nichts voneinander wissen und eigenständig agieren, nebeneinander. Ich hingegen fühlte mich wie ein einzelner Baum mit sehr unterschiedlichen und zum Teil sehr starken Ästen, die sich häufig in verschiedene Richtungen bewegen, aber eben immer über den einen Stamm verbunden sind.

Mein Ich fühlte und fühlt sich nicht wie ein solches an. Wenn ich mich an bestimmte Ereignisse (Alltägliches und Besonderes) erinnere, habe ich oft den Eindruck, als hätte ich sie gar nicht selbst erlebt. Theoretisch könnte mir auch jemand davon erzählt haben. Ich weiß darum, aber sie fühlen sich nicht an wie ein Teil meines Lebens.

Häufig weiß ich gar nicht, wer oder was ich eigentlich bin. Ich bin bzw. ist so unterschiedlich, fühlt so unterschiedlich, denkt so unterschiedlich. Ich unterhält sich mit sich, es streitet sich mit sich selbst, es verhöhnt einzelne Teile.
Da gibt es einen kleinen Teil, der seit über 35 Jahren einsam, traurig und untröstbar ist. Er sucht und sucht nach dem Retter, der ihn befreit, mitfühlt und versteht. Und er hört nicht auf damit. Dieser Teil ist ich, manchmal tagelang.
Ein anderer Teil beginnt sofort zu kämpfen, wenn er sich angegriffen fühlt – gerne im Konflikt mit vermeintlichen Autoritäten oder in Beziehungen. Er geht nach vorne los, ohne Rücksicht auf Verluste. Dieser Teil ist ich und er ist kaum zu bremsen.
Es gibt Teile, die zerfleischen mich. Sie sind schlau und argumentieren. Sie sind Gedanken in meinem Kopf, sie sind ich.
Manchmal bin ich Angst, manchmal Selbstekel.
Und manchmal bin ich einfach weg.

Ich merke, dass es schwierig ist, den Unterschied zwischen ganz „normalen“ Persönlichkeitsanteilen und meinen Ego-States zu erklären.
Ich bin dann einfach auch ganz unterschiedlich. Mein Partner bemerkt das immer sehr schnell. Er kann verschiedene Anteile erkennen. Ebenso mein Therapeut. Ich (ver)halte mich unterschiedlich, reagiere anders, argumentiere anders, oft jedoch nur marginal. Im alltäglichen Leben oder im beruflichen Alltag merkt man es mir nicht bzw. kaum an. Dort funktioniere ich (meist) gut.

Jochen Peichl definiert Ego-States auf der neuronalen Ebene wie folgt:
„Ego-States sind komplexe neuronale Netzwerke, die Gefühle, Körpergefühle, Überzeugungen und Verhaltensweisen in einem bestimmten Augenblick oder über einen bestimmten Zeitraum festhalten. Es sind voneinander abgrenzbare psychische Einheiten.“ (Peichl, 2007, S. 65)

Peichl schreibt weiter:
„Aus der therapeutischen Arbeit mit Ego-States lassen sich sehr detaillierte Aussagen über diese ‚Selbst-Anteile‘ machen:

  • Ego-States kann man nicht eliminieren, umbringen und vernichten, man kann sie nur ändern.
  • Ego-States kann haben je eigene Wahrnehmung, Motivation und Rollen innerhalb der Gesamtpersönlichkeit.
  • Ego-States haben ihren eigenen Charakter, Werte, Bedürfnisse, Interessen und Ziele.
  • Ego-States haben eine überdauernde und in sich geschlossene Geschichte, Kognitionen und Affekte.
  • Ego-States können sich in Stimmungen oder Symptomen (Depressionen, Kopfschmerzen, Angst) manifestieren.
  • Ego-States können untereinander Konflikte erzeugen, die sich als Symptome zeigen können.
  • Ego-States kann man ansprechen und befragen wie eine Person (Alter, Geschlecht, Funktion, Bedürfnisse).
  • Ego-State-Pathologie entsteht, wenn ein oder mehrere Teile mit den anderen nicht in Harmonie sind, selbstbezogen handeln und Symptome produzieren.
  • Das Ziel der Ego-State-Therapie ist Ko-Bewusstsein und Integration und nicht die Verschmelzung der States.“ (ebd. , 2007, S. 65f.)

Mittlerweile bin ich in der Lage, die Anteile zu benennen. Ich erkenne und kann erklären, welcher Anteil gerade wie denkt oder fühlt. Manchmal gelingt es meinem Therapeuten, ganz gezielt mit einem Anteil in Kontakt zu treten.
Manche wollen das nicht. Manche boykottieren das. Manche haben Angst. Aber viele vertrauen ihm bereits.

Im nächsten Artikel zu diesem Thema werde ich etwas über die verschiedenen Arten von Ego-States, ihre Entstehung und meine Fortschritte schreiben. Ich möchte außerdem einzelne Teile und ihre Funktion näher vorstellen.

Insgesamt bin ich sehr froh über die Ego-State-Theorie. Sie erklärt (m)ich so viel besser, als mir das früher möglich war. Und irgendwie fühle ich mich auch nicht mehr ganz so irre.

Ego // State

Ich stelle mich an.

Im Moment bin ich // wer // der festen Überzeugung, dass ich mir alles nur einbilde, dass es gar keinen Grund für meine Diagnose gibt.

Fragen mal wieder: Wann bin ich klar? Wann ist realistisch? Wie erkenne ich, was // wann // wer // ich ist? Wie unterscheiden sich Ego-State und Reflexionsvermögen?

Ist alles ich, nur anders?